Alternative Titel: Sogum, 소금
Regie: Shin Sang-ok
Produktion: Shin Sang-ok
Kamera: Cho Myong-hon, Pak Sung-ho
Künstlerische Leitung: Ri Do-ik
Drehbuch: Kim Hee-bong nach einem Roman von Kang Kyong-ae
Musik: Chon Chong-il
Darsteller: Choi Eun-hee, Chong Ui-gyom, Oh Yong-hwan, Kim Myong-hee, Ri Wan-sam, Ri In-gwon, Chong Chol-woo, Chong Kyong-suk, Ri Yong-sim, Pak Yong-hak, Choe Chong-hee, Hong Soon-chang, Ri Cho-ok, Yang Chan-sik, Choe Chon-sun, Kim Yong-gun, Ri Byong-chol
Handlung:
Kando, Mandschurei, in den 1930er Jahren:
Nachdem der Ehemann der namenlosen Mutter (Choi Eun-hee) bei einem Strassengefecht ums Leben kommt, macht sie zunächst die kommunistische Widerstandsbewegung für ihr persönliches Unglück verantwortlich – obwohl ihr eigener Sohn und dessen Verlobte Teil dieser Bewegung sind. Als die Verlobte verhaftet wird und der Sohn verschwindet, bleibt sie allein zurück und ist gezwungen, als Dienstmagd bei einem wohlhabenden chinesischen Paar zu arbeiten. Dort wird sie Opfer einer Vergewaltigung durch ihren Arbeitgeber, der kurz darauf bei einem Unfall stirbt. Schwanger und sozial weiter abgestiegen bringt sie einen Sohn zur Welt und arbeitet später als Amme bei einer reichen koreanischen Familie, während ihre eigenen Kinder an einer Krankheit sterben. Nach einem gescheiterten Suizidversuch wird sie von einer Freundin (Kim Myong-hee) aufgefangen, die sie schließlich dazu bewegt, sich aktiv am Salzschmuggel zu beteiligen – ein Akt der Solidarität, der zugleich ihren endgültigen Anschluss an den revolutionären Widerstand markiert.
Review:
Wie ihr sehen könnt, passiert in der Handlung sehr viel schlechtes der namenlosen Mutter, und ich habe versucht es so gut wie möglich niederzuschreiben. Ich muss aber auch sagen, dass ich den Film ohne Untertitel gesehen habe, aber dennoch musste ich diese Review schreiben, auch weil der Film letzten Monat zum ersten Mal online gestellt wurde. Es war ein VHS Rip, allerdings ist das besser als nichts, da ich den Film schon seit Jahren gesucht habe.
Der Film ist einer von Shin Sang-ok und Choi Eun-hees Filmen, die während ihrer unfreiwilligen Zeit in Nordkorea gemacht wurden. Beide wurden mehrere Monate nacheinander im Jahr 1978 in Hongkong von nordkoreanischen Agenten entführt, und waren dann getrennt von einander in Pjöngjang gehalten, und erst im Frühjahr 1983 wieder miteinander vereint, auf einer Party im Hause von Kim Jong-il, der ihnen dann sagte, sie seien dort um die nordkoreanische Filmindustrie zu verbessern. Zwischen 1983 und 1986 machten sie dann mehrere Filme, von denen Pulgasari der berühmteste ist.
Nachdem die beiden 1986 über Wien in die USA geflüchtet sind, wurden mehrere der Filme die sie in der Zeit in Nordkorea gemacht hatten verboten oder so editiert, dass ihre Namen aus dem Vor und Nachspann entfernt wurden, was bei Filmen wie Pulgasari, Hong Kil Dong oder Emissary of No Return leicht war, auch weil Choi Eun-hee in diesen Filmen nicht mitspielte. Filme wie dieser hier, Runaway oder The Tale of Shim Chong wurden jedoch verboten und sind sehr schwer zu kriegen. Hier muss ich aber auch sagen, dass die Koreanische Kinemathek in Südkorea alle Filme von Shin Sang-ok und Choi Eun-hees Zeit in Nordkorea im Keller haben, aber diese aus seltsamen Gründen noch nicht Online gestellt haben.
Ich war so froh, als ich vor einigen Wochen auf Reddit eine Nachricht bekam, wo ich den Link zum Film auf der Internet Archive bekam.
Nun denn, jetzt ist alles andere gesagt, jetzt zum Film selbst. Und ja, ich werde hier definitiv spoilern.
Der Film ist ganz anders als andere, mehr konforme, von Propaganda durchgewaschenen nordkoreanische Filme über die Japanische Besatzungszeit. Der Film fängt ungewöhnlicherweise mit einem Zitat aus dem Neuen Testament (!), aus dem Matthäusevangelium 5:13. Das ist sehr ungewöhnlich, vor allem wenn man bedenkt, dass das Christentum in Nordkorea verboten ist - falls man in einem Hause eine Bibel findet, wird die gesamte Sippe in ein Konzentrationslager gebracht, für 3 Generationen. Kim Il-sung selbst kannte dieses Zitat ("Ihr seit das Salz dieser Welt...") wohl sehr gut, immerhin kam er aus einer frommen protestantischen Familie.
Viele haben gesagt, gerade dieser Film ist ein gutes Beispiel dafür, wie Shin Sang-ok hin und hergerissen war von dem Wunsch, gutes Kino zu produzieren und den Wünschen des Staates zu erfüllen. Und das sieht man hier wirklich - so wirkt die Welt sehr arm und ohne Perspektive, und gleichzeitig wirken die Kulissen auch authentischer als zum Beispiel in The Flower Girl (wobei ich hier aber auch anmerken muss, dass The Flower Girl auch zu den nordkoreanischen Filmen gehört, die auch wirklich gut sind).
Der Film basiert sich auf einen Roman von Kang Kyong-ae, die den Roman 1934 herausgab, und selbst 1944 verstarb, ein Jahr vor der Befreiung.
Und nun gehe ich in ein Detail ein, dass zeigt, wie anders Salt ist im Gegensatz zu anderen nordkoreanischen Filmen ist, die zur japanischen Besatzungszeit spielen: in einer Szene sieht man wie der Sohn und dessen (sehr fein gekleidete) Verlobte auf den Markt gehen und antijapanische Flugblätter herumwerfen, einen Slogan rufen, und dann sofort weglaufen. Soll heißen: die Szene ist realistisch - das Leben geht weiter, und keiner bleibt stehen und hört sich lange Monologe über den Imperialismus und Klassenkampf an - und das ist sehr ungewöhnlich in einem nordkoreanischen Film. Das einzige, was diesen "Monologszenen" nahe kommt ist am Ende, als einer der Widerstandbewegung am Ende, nachdem diese eine mit den Japanern kollaborierende Milizen ausgeschaltet hatten die die Salzschmuggler angeschossen hatten.
Eine weitere Sonderheit des Films ist die, dass der Film im nördlichen Dialekt der koreanisch-chinesischen Grenze gedreht wurde, und nicht im Dialekt von Pjöngjang.
Das beste am Film ist definitiv Choi Eun-hee (Seong Chunhyang) - sie gibt hier wirklich die wohl beste Performance ihrer Karriere, und das muss man ihr lassen. Sie gibt eine sehr realistische Darbietung einer Mutter, der alles genommen wurde und einfach versucht, zu überleben. Viele haben angedeutet, dass das Leiden der Mutter im Film für Choi wohl real waren - so habe ich in Paul Fischers Buch über Shin und Chois Zeit in Nordkorea gelesen dass Choi irgendwann an Lungenentzündung litt, und das war eines der Zeichen für die beiden dass die nun bald fliehen mussten. Ich vermute sie hat sich die Lungenentzündung geholt beim Dreh der Szene im eiskalten Fluss beim Ende des Films.
Eine Szene, die mir sehr naheging war die, in der sie bei Nacht ihren Sohn zur Welt bring und daraufhin sich selbst nicht dazu bringen kann, den Säugling zu strangulieren. Solche Kost gab es bis da noch nie im nordkoreanischen Kino. Auch gab es bis dahin auch nie eine deutliche Vergewaltigung vor der Kamera, oder eine enthüllte nackte Brust (in einer Szene, wo sie den Säugling einer reichen Familie auf einer Feier stillt). Wie ein nordkoreanischer Flüchtling angab, hat dieser den Film mehrfach im Kino damals gesehen, gerade wegen dieser Szenen.
Die anderen Darsteller geben auch gute Darbietungen - sowie Kim Myong-hee als Nachbarin und Freundin der Mutter, und Pak Yong-hak (der den tyrannischen König in Pulgasari gespielt hat) als Kollaborateur der Japaner. Sehr gut in ihren Szenen waren auch der, der ihren ältesten Sohn spielte als auch die Verlobte, allerdings kann ich die Namen nicht nennen, da ich nirgendwo sehen kann wer der Darsteller wen spielt, und Kim Myong-hee und Pak Yong-hak waren die einzigen Darsteller die ich vom restlichen Cast kannte.
Johannes Schönherr hat in seinen Buch angegeben, dass er den Film als sehr sexualisiert wahrnahm und das vor allem das Leiden im Film irgendwie so dargestellt wurde - dem stimme ich nicht wirklich zu. Ich aber sagen, dass er in seiner Annahme, der Film sei eine Mischung aus (japanischen) Exploitationsfilm und Sozialistischer Realismus irgendwie zustimmen. Ich würde aber auch sagen, dass die Sexualisierung wohl weniger der Erregung dient, als der Entwürdigung der Mutter - und die Tatsache, dass einige den Film mehrfach im Kino wegen dieser Szenen der Vergewaltigung oder des Bruststillens gesehen haben, sagt mehr über das System als über der Intention des Films.
Und hier muss ich dann wieder sagen, dass das einzige, was den Film zu einem "Propagandafilm" oder "pro-kommunistisch" mache, ist dass der Widerstand als die Guten dargestellt werden (...und das obwohl dieser antijapanische Widerstand auch sehr oft Bauern überfiel, deren Essen stahlen oder reiche Bauern lynchte wenn nur vermutet wurde dass sie kollaborierten), und wie die Mutter am Ende einsieht, dass ihr Sohn recht hatte sich den Widerstand anzuschließen und nun rausgeht, um ihren Sohn zu suchen. Der Film moralisiert den Widerstand, aber nicht die Welt, in der er agiert. (Hier muss ich auch sagen, dass das aller letzte was man vom Sohn und der Verlobten sieht ist, wie er und seine Mitstreiter sie aus dem Gefängnis befreien und dann mit einem Wagen wegfahren - das war wohl, um den Publikum zu sagen, dass alles gut wird) Dass die Mutter namenlos bleibt, ist kein Zufall, sondern macht sie zur Projektionsfigur: weniger Individuum als Verkörperung einer ausgebeuteten Klasse – und zugleich einer zutiefst weiblichen Leidensgeschichte.
Und dann ist da noch das mit dem Zitat aus dem Neuen Testament - das Salz wirkt als eine Symbolik für Leben/Überleben, als die Gemeinschaft, als das Unsichtbare, was alles trägt. Das ist auch sehr ungewöhnlich dies in einem nordkoreanischen Film mit einzubeziehen, nicht nur wegen des Verbotes des Christentums - eine Einbeziehung eines religiösen Textes was sehr vor-marxistisch und fast archaisch wirkt. Ich frage mich außerdem wie es wohl für die nordkoreanischen Christen gewesen sein musste, die zu der Zeit ihren Glauben schon lange nicht mehr offen ausüben durften, aber dann einen Film sehen, der mit dem Zitat anfangt.
Zum Ende sieht man außerdem, wie Shin Sang-ok sich beim Filmstudio in Beijing bedankte, die mit dem Dreh der Szenen dort mitgeholfen haben.
Salt ist damit weniger ein klassischer Propagandafilm als ein widersprüchliches, körperliches Melodram, das ausgerechnet im repressivsten aller Kontexte Momente von Ambivalenz, Menschlichkeit und vor-ideologischer Symbolik zulässt.
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