Donnerstag, 12. Februar 2026

Zwei verschiedene Tage, zwei verschiedene Leben - mehr oder weniger

 

Der Ausblick von der Brücke am Bahnhof in Næstved, Februar 2014 

Ich habe schon einmal - und danach mehrfach angedeutet - wie sehr ein Tag wo ich eine Tagesreise nach Næstved unternahm mir sehr viel bedeutete, aber auch mein erstes Purim im Jahr darauf. 

Mir ist erst vor kurzen aufgefallen, wie diese beiden Tage miteinander verbunden sind, trotz der Umstände. 

Im Februar 2014 wohnte ich noch bei meinen Eltern auf Lolland. Ich sehnte mich so sehr nach einem Neuanfang, nicht um weg zu kommen, und auch nicht nur wegen des Studiums - auch weil ich endlich den Gijur anfangen wollte. An dem Morgen waren meine Eltern schon vor Sonnenaufgang aufgebrochen, auf in den Urlaub in die Türkei. 

Chang übergab sich an dem Morgen. Ich machte es wieder sauber. 

Ich hatte schon seit mehreren Tagen diesen Tagestrip nach Næstved geplant. Ich hatte seit dem geplatzten Kibbuz Trip nach Israel gemerkt, dass ich mich nur beim Reisen am Leben fühle. Und somit waren diese Tagestrips nach Næstved in der Zeit so das einzige, was einer richtigen Reise nachkam, wo ich mich wenigstens so fühlte, als sei ich unterwegs. 

"Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer", von Alex Capus. Im vorherigen Herbst am Flughafen in Wien gekauft, las ich in im Zug nach Næstved. Allerdings wurde ich erst fertig mit ihn im Frühling 2016. 
Nachdem die tägliche Wiederholung von Richterin Barbara Salesch fertig war, packte ich meinen Rucksack, und fuhr mit der Mofa zum Bahnhof in Nykøbing Falster. 

Im Zug angekommen, machte ich es mir bequem, und las in "Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer", von Alex Capus. Ich konnte dann aufatmen. 

Ich genoss die Aussicht auf die wechselnde Landschaft - wo mein Favorit die Brücke nach Vordingborg ist.  

In Næstved angekommen kam ich wie gewöhnlich zuerst auf die Brücke, wo ich die Aussicht gen Norden genoss. Ich schaute auch auf das Krankenhaus in Næstved, worüber ich vor kurzen schrieb (ein anderer Tagestrip zwei Monate später in dem Jahr). 

Ich kaufte dann drei Bücher im Buchladen am Axeltorv, den es heute nicht mehr gibt, und dann ging ich runter zum Susåen Park am Bach, den ich zum Wald folgte. 

Damals war dieser Campus eine lokale Universitet - jetzt ist sie ein Kommunengebäude 

Ich weis noch immer nicht, was auf der kleinen Insel im Bach mal war 

Das hier macht mich irgendwie glücklich

Auch das 

Als ich im Wald ankam, setzte ich mich nach einer Weile auf einen Baumstamm. Und da fiel mir dann wirklich auf, dass diese Zeit auf Lolland nun wirklich bald vorbei ist und es sich jetzt nur um Monate handelte. Und ich dachte da zum ersten Mal ganz lebhaft daran, wie ich in Kopenhagen leben würde. Wie ich in die Synagoge gehen würde, zu Events oder anderes im Jüdischen Gemeindehaus gehen, wie mein Campus der Universität aussehen würde - ich hatte zu diesen Zeitpunkt nämlich wirklich absolut keine Ahnung, wie es aussehen würde. Das würde ich erst im Spätsommer sehen, ein Paar Wochen vor meinem Umzug. 

Als die Zeit kam, machte ich mich dann auf dem Weg zum Chinesischen Restaurant am Susåen, wo ich das Sushi da sehr genoss. 

Und danach machte ich mich dann auf den Weg zum Bahnhof, und als ich am Abend dann zuhause war, schaute ich dann Türkisch für Anfänger - letztendlich ein ziemlich vergesslicher Film. 

Am nächsten Tag machte ich mich dann Abends auf den Weg nach Nykøbing, weil ich da eine lokale Vorstellung des Broadway Musicals Rent sah - ein Freund von mir spielte mit. Das war...nicht sehr gut. Aber ein Abend an dem ich gerne zurückdenke. 

Vignette vom darauffolgenden Abend in Nykøbing 

Und nun ein Jahr später. 

Blumen vor der Großen Synagoge in Kopenhagen, ein Monat nach dem Terroranschlag 

März 2015. Ich war seit dem vorherigen Spätsommer wirklich in Gange mit dem Gijur-Prozess, und freute mich nun auf mein erstes Purim. Jetzt hatte ich ja schon die Hohen Feiertage und Chanukka erlebt, und jetzt freute ich mich auf Purim - das Buch Esther fand ich bis dahin auch schon immer sehr faszinierend. Aber jetzt sah ich es mit anderen Augen - auch nachdem ich im Unterricht im Gemeindehaus gelernt hatte, dass es das älteste Zeugnis des Wort "Jude" ist, dass dort zu finden ist. 

In der Zwischenzeit war ich auch in der Kunst des Fastens mehr oder weniger beherrscht. Ich hatte bereits zu Jom Kippur 2013 in Tel Aviv gefastet (ohne in der Synagoge zu sein), dann nach dem Umzug nach Kopenhagen 2014 zu Zom Gedalja und zu Jom Kippur wieder - und nun war das Taanit Esther, das Fasten der Esther, dran. 

Um die Zeit totzuschlagen, ging ich ins Nationalmuseum. Das war damals gratis. 

Antiker Kopf im Nationalmuseum 

Ich hatte seit meinem Umzug nach Kopenhagen schon mehrere Spaziergänge dort gehabt - allerdings war dieses einer der, an denen ich mich am meisten Erinnere, auch weil es am Vorabend von Purim war. Ich kam dann kurz vor Schließung raus, und machte mich auf dem Weg zur Synagoge, wo ich auch das Antiquariat bei Strøget besuchte, auf dem Weg dahin. 

In der Synagoge bei der Vorlesung des Buch Esther, März 2015 

Und es war ein Rausch, als das Buch Esther vorgelesen wurde. Und der Lärm, wenn Hamans Name genannt wurde. Ein Erlebnis an das ich mich immer erinnern werde. 

Nun denn. Am nächsten Tag machte ich mich auf dem Weg nach Ryparken, wo die Jüdische Schule, Carolineskolen, sich damals befand. Es war mein erstes Mal dort. Und ich trug die echten bayrischen Lederhosen, die ich extra für den Zweck online bestellt hatte. 

In der alten Sporthalle der Carolineskolen wurde die Feier gehalten. 

Es war ein sehr schöner Tag. Ich saß bei einem Tisch mit Freunden aus der Gemeinde, und es war einfach so unbeschreiblich gemütlich. Es wurde auch das Buch Esther vorgelesen. Natürlich mit viel Krach jedes Mal wo Hamans Name genannt wurde. 

Und dann...war es vorbei. Und somit spürte ich zum ersten Mal diese Melancholie, die nach jeder Purimfeier kommt. 

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Abend, als ich bei der S-Bahn Station Ryparken wartete, und das ganze verarbeitete. An dem Tag sah ich auch zum ersten Mal die Silhouette von Grundtvig Kirke, die große Kirche in Bispebjerg - damals dachte ich, es sei ein Mormonentempel. 

Und ein ein halb Wochen später verstarb dann meine Großmutter. 

Und jetzt fragt ihr euch sicher, was haben die zwei Tage mit einander zu tun?

Man muss bedenken, dass da zwischen den beiden Tagen ein Jahr liegt. 

Ein Jahr, und mein Leben zwischen diesen Tagen hätte unterschiedlicher nicht sein können - und ich finde es so seltsam, gerade an den Punkt zu denken. An den einen Tag im späten Februar 2014 sehne ich mich so sehr nach einen Neuanfang, und den Wunsch endlich den Gijur anzufangen. Ein Jahr später lebe ich dann dieses Leben, studiere Hebräisch an der Universität Kopenhagen, und das Leben das ich vorher lebte ist irgendwo im Schatten. Ein Jahr ist immerhin im großen Bild keine allzu lange Zeit - und dennoch war mein Leben nun ganz anders als vorher. 

Es waren also schon zwei verschiedene Leben, die ich lebte. 

Die Zeit ist wirklich ein sehr seltsames Ding. Und sie fliegt wirklich. 

Mittwoch, 11. Februar 2026

FILMKRITIK: Salt (Nordkorea/VR China 1985) (8/10)

 

Alternative Titel: Sogum, 소금

Regie: Shin Sang-ok

Produktion: Shin Sang-ok

Kamera: Cho Myong-hon, Pak Sung-ho

Künstlerische Leitung: Ri Do-ik 

Drehbuch: Kim Hee-bong nach einem Roman von Kang Kyong-ae 

Musik: Chon Chong-il 

Darsteller: Choi Eun-hee, Chong Ui-gyom, Oh Yong-hwan, Kim Myong-hee, Ri Wan-sam, Ri In-gwon, Chong Chol-woo, Chong Kyong-suk, Ri Yong-sim, Pak Yong-hak, Choe Chong-hee, Hong Soon-chang, Ri Cho-ok, Yang Chan-sik, Choe Chon-sun, Kim Yong-gun, Ri Byong-chol 

Handlung: 

Kando, Mandschurei, in den 1930er Jahren: 

Nachdem der Ehemann der namenlosen Mutter (Choi Eun-hee) bei einem Strassengefecht ums Leben kommt, macht sie zunächst die kommunistische Widerstandsbewegung für ihr persönliches Unglück verantwortlich – obwohl ihr eigener Sohn und dessen Verlobte Teil dieser Bewegung sind. Als die Verlobte verhaftet wird und der Sohn verschwindet, bleibt sie allein zurück und ist gezwungen, als Dienstmagd bei einem wohlhabenden chinesischen Paar zu arbeiten. Dort wird sie Opfer einer Vergewaltigung durch ihren Arbeitgeber, der kurz darauf bei einem Unfall stirbt. Schwanger und sozial weiter abgestiegen bringt sie einen Sohn zur Welt und arbeitet später als Amme bei einer reichen koreanischen Familie, während ihre eigenen Kinder an einer Krankheit sterben. Nach einem gescheiterten Suizidversuch wird sie von einer Freundin (Kim Myong-hee) aufgefangen, die sie schließlich dazu bewegt, sich aktiv am Salzschmuggel zu beteiligen – ein Akt der Solidarität, der zugleich ihren endgültigen Anschluss an den revolutionären Widerstand markiert.

Review:

Wie ihr sehen könnt, passiert in der Handlung sehr viel schlechtes der namenlosen Mutter, und ich habe versucht es so gut wie möglich niederzuschreiben. Ich muss aber auch sagen, dass ich den Film ohne Untertitel gesehen habe, aber dennoch musste ich diese Review schreiben, auch weil der Film letzten Monat zum ersten Mal online gestellt wurde. Es war ein VHS Rip, allerdings ist das besser als nichts, da ich den Film schon seit Jahren gesucht habe. 

Der Film ist einer von Shin Sang-ok und Choi Eun-hees Filmen, die während ihrer unfreiwilligen Zeit in Nordkorea gemacht wurden. Beide wurden mehrere Monate nacheinander im Jahr 1978 in Hongkong von nordkoreanischen Agenten entführt, und waren dann getrennt von einander in Pjöngjang gehalten, und erst im Frühjahr 1983 wieder miteinander vereint, auf einer Party im Hause von Kim Jong-il, der ihnen dann sagte, sie seien dort um die nordkoreanische Filmindustrie zu verbessern. Zwischen 1983 und 1986 machten sie dann mehrere Filme, von denen Pulgasari der berühmteste ist. 

Nachdem die beiden 1986 über Wien in die USA geflüchtet sind, wurden mehrere der Filme die sie in der Zeit in Nordkorea gemacht hatten verboten oder so editiert, dass ihre Namen aus dem Vor und Nachspann entfernt wurden, was bei Filmen wie Pulgasari, Hong Kil Dong oder Emissary of No Return leicht war, auch weil Choi Eun-hee in diesen Filmen nicht mitspielte. Filme wie dieser hier, Runaway oder The Tale of Shim Chong wurden jedoch verboten und sind sehr schwer zu kriegen. Hier muss ich aber auch sagen, dass die Koreanische Kinemathek in Südkorea alle Filme von Shin Sang-ok und Choi Eun-hees Zeit in Nordkorea im Keller haben, aber diese aus seltsamen Gründen noch nicht Online gestellt haben. 

Ich war so froh, als ich vor einigen Wochen auf Reddit eine Nachricht bekam, wo ich den Link zum Film auf der Internet Archive bekam. 

Nun denn, jetzt ist alles andere gesagt, jetzt zum Film selbst. Und ja, ich werde hier definitiv spoilern. 

Der Film ist ganz anders als andere, mehr konforme, von Propaganda durchgewaschenen nordkoreanische Filme über die Japanische Besatzungszeit. Der Film fängt ungewöhnlicherweise mit einem Zitat aus dem Neuen Testament (!), aus dem Matthäusevangelium 5:13. Das ist sehr ungewöhnlich, vor allem wenn man bedenkt, dass das Christentum in Nordkorea verboten ist - falls man in einem Hause eine Bibel findet, wird die gesamte Sippe in ein Konzentrationslager gebracht, für 3 Generationen. Kim Il-sung selbst kannte dieses Zitat ("Ihr seit das Salz dieser Welt...") wohl sehr gut, immerhin kam er aus einer frommen protestantischen Familie. 

Viele haben gesagt, gerade dieser Film ist ein gutes Beispiel dafür, wie Shin Sang-ok hin und hergerissen war von dem Wunsch, gutes Kino zu produzieren und den Wünschen des Staates zu erfüllen.  Und das sieht man hier wirklich - so wirkt die Welt sehr arm und ohne Perspektive, und gleichzeitig wirken die Kulissen auch authentischer als zum Beispiel in The Flower Girl (wobei ich hier aber auch anmerken muss, dass The Flower Girl auch zu den nordkoreanischen Filmen gehört, die auch wirklich gut sind). 

Der Film basiert sich auf einen Roman von Kang Kyong-ae, die den Roman 1934 herausgab, und selbst 1944 verstarb, ein Jahr vor der Befreiung. 

Und nun gehe ich in ein Detail ein, dass zeigt, wie anders Salt ist im Gegensatz zu anderen nordkoreanischen Filmen ist, die zur japanischen Besatzungszeit spielen: in einer Szene sieht man wie der Sohn und dessen (sehr fein gekleidete) Verlobte auf den Markt gehen und antijapanische Flugblätter herumwerfen, einen Slogan rufen, und dann sofort weglaufen. Soll heißen: die Szene ist realistisch - das Leben geht weiter, und keiner bleibt stehen und hört sich lange Monologe über den Imperialismus und Klassenkampf an - und das ist sehr ungewöhnlich in einem nordkoreanischen Film. Das einzige, was diesen "Monologszenen" nahe kommt ist am Ende, als einer der Widerstandbewegung am Ende, nachdem diese eine mit den Japanern kollaborierende Milizen ausgeschaltet hatten die die Salzschmuggler angeschossen hatten. 

Eine weitere Sonderheit des Films ist die, dass der Film im nördlichen Dialekt der koreanisch-chinesischen Grenze gedreht wurde, und nicht im Dialekt von Pjöngjang. 

Das beste am Film ist definitiv Choi Eun-hee (Seong Chunhyang) - sie gibt hier wirklich die wohl beste Performance ihrer Karriere, und das muss man ihr lassen. Sie gibt eine sehr realistische Darbietung einer Mutter, der alles genommen wurde und einfach versucht, zu überleben. Viele haben angedeutet, dass das Leiden der Mutter im Film für Choi wohl real waren - so habe ich in Paul Fischers Buch über Shin und Chois Zeit in Nordkorea gelesen dass Choi irgendwann an Lungenentzündung litt, und das war eines der Zeichen für die beiden dass die nun bald fliehen mussten. Ich vermute sie hat sich die Lungenentzündung geholt beim Dreh der Szene im eiskalten Fluss beim Ende des Films. 

Eine Szene, die mir sehr naheging war die, in der sie bei Nacht ihren Sohn zur Welt bring und daraufhin sich selbst nicht dazu bringen kann, den Säugling zu strangulieren. Solche Kost gab es bis da noch nie im nordkoreanischen Kino. Auch gab es bis dahin auch nie eine deutliche Vergewaltigung vor der Kamera, oder eine enthüllte nackte Brust (in einer Szene, wo sie den Säugling einer reichen Familie auf einer Feier stillt). Wie ein nordkoreanischer Flüchtling angab, hat dieser den Film mehrfach im Kino damals gesehen, gerade wegen dieser Szenen. 

Die anderen Darsteller geben auch gute Darbietungen - sowie Kim Myong-hee als Nachbarin und Freundin der Mutter, und Pak Yong-hak (der den tyrannischen König in Pulgasari gespielt hat) als Kollaborateur der Japaner. Sehr gut in ihren Szenen waren auch der, der ihren ältesten Sohn spielte als auch die Verlobte, allerdings kann ich die Namen nicht nennen, da ich nirgendwo sehen kann wer der Darsteller wen spielt, und Kim Myong-hee und Pak Yong-hak waren die einzigen Darsteller die ich vom restlichen Cast kannte. 

Johannes Schönherr hat in seinen Buch angegeben, dass er den Film als sehr sexualisiert wahrnahm und das vor allem das Leiden im Film irgendwie so dargestellt wurde - dem stimme ich nicht wirklich zu. Ich aber sagen, dass er in seiner Annahme, der Film sei eine Mischung aus (japanischen) Exploitationsfilm und Sozialistischer Realismus irgendwie zustimmen. Ich würde aber auch sagen, dass die Sexualisierung wohl weniger der Erregung dient, als der Entwürdigung der Mutter - und die Tatsache, dass einige den Film mehrfach im Kino wegen dieser Szenen der Vergewaltigung oder des Bruststillens gesehen haben, sagt mehr über das System als über der Intention des Films. 

Und hier muss ich dann wieder sagen, dass das einzige, was den Film zu einem "Propagandafilm" oder "pro-kommunistisch" mache, ist dass der Widerstand als die Guten dargestellt werden (...und das obwohl dieser antijapanische Widerstand auch sehr oft Bauern überfiel, deren Essen stahlen oder reiche Bauern lynchte wenn nur vermutet wurde dass sie kollaborierten), und wie die Mutter am Ende einsieht, dass ihr Sohn recht hatte sich den Widerstand anzuschließen und nun rausgeht, um ihren Sohn zu suchen. Der Film moralisiert den Widerstand, aber nicht die Welt, in der er agiert. (Hier muss ich auch sagen, dass das aller letzte was man vom Sohn und der Verlobten sieht ist, wie er und seine Mitstreiter sie aus dem Gefängnis befreien und dann mit einem Wagen wegfahren - das war wohl, um den Publikum zu sagen, dass alles gut wird) Dass die Mutter namenlos bleibt, ist kein Zufall, sondern macht sie zur Projektionsfigur: weniger Individuum als Verkörperung einer ausgebeuteten Klasse – und zugleich einer zutiefst weiblichen Leidensgeschichte. 

Und dann ist da noch das mit dem Zitat aus dem Neuen Testament - das Salz wirkt als eine Symbolik für Leben/Überleben, als die Gemeinschaft, als das Unsichtbare, was alles trägt. Das ist auch sehr ungewöhnlich dies in einem nordkoreanischen Film mit einzubeziehen, nicht nur wegen des Verbotes des Christentums - eine Einbeziehung eines religiösen Textes was sehr vor-marxistisch und fast archaisch wirkt. Ich frage mich außerdem wie es wohl für die nordkoreanischen Christen gewesen sein musste, die zu der Zeit ihren Glauben schon lange nicht mehr offen ausüben durften, aber dann einen Film sehen, der mit dem Zitat anfangt. 

Zum Ende sieht man außerdem, wie Shin Sang-ok sich beim Filmstudio in Beijing bedankte, die mit dem Dreh der Szenen dort mitgeholfen haben. 

Salt ist damit weniger ein klassischer Propagandafilm als ein widersprüchliches, körperliches Melodram, das ausgerechnet im repressivsten aller Kontexte Momente von Ambivalenz, Menschlichkeit und vor-ideologischer Symbolik zulässt.

Screenshots:































































Zwei verschiedene Tage, zwei verschiedene Leben - mehr oder weniger

  Der Ausblick von der Brücke am Bahnhof in Næstved, Februar 2014  Ich habe schon einmal - und danach mehrfach angedeutet - wie sehr ein Tag...