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Sonntag, 15. März 2026

Kony 2012 - was war das?

Ja, ich erinnere mich noch sehr gut an den Frühling 2012

Es war im Frühjahr 2012, da schickte eine Freundin von mir ein Video, mit der Beschriftung "dringend ansehen". Ich schaute es mir dann an. 

Und so ähnlich haben Millionen hier in der westlichen Welt das Video gefunden. 

Das Video stammte von der Organisation Invisible Children, und in dem Video ging es um den ugandischen Kriegsverbrecher Joseph Kony, der die Lord´s Ressistance Army leitet, eine Guerilla Armee christlich fundamentalistischer Prägung, die einen theokratisch aufgebauten Staat errichten möchte, die auf den Zehn Geboten basiert. Die LRA hat tausende von Kindern verschleppt, um diese dann als Kindersoldaten zu missbrauchen. 

Das Ziel von Invisible Children war, Kony auf diese Weise berühmt zu machen und dafür zu sorgen, dass er bis zum Ende des Jahres 2012 verhaftet wäre und vor Gericht saß. 

Wie wir alle wissen, kam es leider nicht dazu. 

Ich möchte hier nicht zu sehr über das Phänomen Kony 2012 oder den Shenanigans von Jason Russell reden, da das schon so oft besprochen wurde dass ich mich hier dann nur wiederholen würde. 

Das Bild ging um die Welt 

Viel eher möchte ich darüber reden, welchen Trend Kony 2012 damals im Frühling 2012 anfing - "Slacktivism". 

Slacktivism, oder "Faulpelzaktivismus", ist wenn man über Soziale Netzwerke zeigen möchte, dass man für eine bestimmte Sache einsteht, allerdings auf einer sehr oberflächlichen Weise, und oft nur auf eine Weise, in der man bei anderen Eindruck schinden möchte.  

Auf einmal, vom einen Tag auf den anderen, hatten Leute, die sich vorher nie wirklich für irgendetwas politisches interessierten, was zu sagen über die Verbrechen von Kony, einen Mann, von denen sie bis kurz zuvor nie was gehört hatten. Jason Russels Ziel, Joseph Kony berühmt zu machen, funktionierte wirklich. 

Aber dann, letztendlich war der Trend um Kony nach einigen Wochen vorbei - und was war geschehen? 

Erstens, wegen dem Medienrummel bekam Jason Russells einen Nervenzusammenbruch bei einem Urlaub in San Diego, wo er dann nackt durch die Straßen rannte. 

Und dann war da das Fiasko von "Cover the Night", wo aufgefordert wurde, am 20. April 2012 Poster und Flyer zu Kony 2012 aufzuhängen, und auf die Straßen zu gehen. 


Mehrere Medien waren deswegen skeptisch. 

Und anscheinend hatten die auch recht - es gab nicht so viele, wie von der Kampagne erwartet, die erschienen sind, und außerdem wurde im Namen von Kony 2012 auch recht viel Vandalismus gemacht. In Sydney, Australien, waren auch nur 25 Demonstranten aufgetaucht - und das, obwohl auf der Facebook-Seite des Events für Sydney sich 18, 700 angemeldet hatten. 

Der Moment war also vorbei. Der Zug war abgefahren. 

Was will ich damit sagen? 

Trotz des ganzen Tumults die das Video ausgelöst hatte, und die Empörung über die Verbrechen Konys, interessierte sich nun kein Schwein mehr für die Sache. Empörung ist heute viral, aber selten dauerhaft.

Und ich muss sagen, dass als ich das originale Video damals sah, wo es Viral ging, ich wirklich hoffte, dass die ganze Kampagne um Kony zu verhaften gelingen würde - allerdings war ich auch wirklich sehr, sehr skeptisch, und ich hatte auch so eine Vorahnung dass sich kein Schwein mehr dafür interessieren würde, sobald einige Wochen passiert sind. Und so geschah es ja dann auch. 

Dann kamen auch die Kritikpunkte an der Kampagne auf: Einige meinten, Joseph Kony sei womöglich längst tot, Ugander selbst fühlten sich durch die Kampagne kaum repräsentiert, und Kritiker bemängelten, dass bei Invisible Children ein großer Teil der Einnahmen in Marketing und Filmproduktion statt in direkte Hilfe floss.

Aber somit hatte eine neue Ära begonnen - nicht nur die des Slacktivisms, sondern auch des Virtue Signalings, und das vier Jahre bevor der Begriff um 2016 populär wurde. 

Einige Jahre geschah es ja dann auch so, wenn in irgendein Land auf der Welt irgendeine Tragödie geschah, würden Leute auf Facebook ihre Profilbilder in die Farben der Landesflagge des Landes färben - und ich muss zugeben, ich war auch bis zum Frühling 2016 auch einer von denen, bis mir auffiel, dass sich halt nichts ändern würde an der Situation, trotz des färben in den Landesflaggen. 

Ich muss auch sagen, dass ich ab 2016 auch selber nach und nach aufgehört habe, politisches auf meiner eigenen Facebook Wand zu teilen - wenn ich was politisches schreibe oder teile, dann meist in privaten Gruppen. 

Das "witzige" ist zum Beispiel dieses - selbst sowas kann einige Leute, die andauernd 24/7 online sind, triggern. Ich habe zum Beispiel nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 nicht viel geteilt über den Krieg, aber alle in meinem persönlichen Umgangskreis und in den Gruppen in denen ich verkehrte wussten, wie schrecklich ich den Krieg fand und noch immer finde. Nun denn, eine Karen  hatte dann eines Morgens im April desselben Jahres in einem Post von mir über Pesachreinigung einen ziemlich garstigen Kommentar geschrieben wie schrecklich es doch sei, dass ich absolut nichts zum Krieg in der Ukraine zu sagen habe und dass ich mich angeblich nicht darum kümmere, und blockierte mich dann. Ich sah diesen Kommentar erst, nachdem mehrere auf diesen Kommentar reagierten - und letztendlich war ich nicht überrascht, da ich schon von anderen gehört hatte, wie diese Person sich oft von einen Tag auf den nächsten Leute beschimpft und zur Sau macht - allerdings muss ich auch sagen, dass ich lange schon das Gefühl hatte, neidisch auf mich zu sein, weil ich tatsächlich zum Judentum konvertiert war, etwas, was ihr nicht gelang. 

Mein Punkt hier ist, das einige Leute sich wenn etwas viral geht oder sehr oft in den Nachrichten ist (wie ein großes Weltereignis wie der Krieg in der Ukraine) entweder nach einigen Wochen es wieder vergessen haben, oder sich einfach viel zu sehr da hineinsteigern und sich dann im Internet wie Arschlöcher verhalten. 

Fazit:

Das Internet erzeugt extrem schnelle moralische Mobilisierung – aber auch extrem schnelle moralische Vergessenheit.

Und wenn das alles gesagt ist, Joseph Kony ist noch immer nicht verhaftet worden - nach all den Jahren.  

Donnerstag, 12. März 2026

Erster Frühlingsspaziergang am Friedhof von Bispebjerg

 

Ein prächtiger Baum, muss ich irgendwie sagen

Ich hatte diese Woche ziemlich viel zu tun, da ich auf einem Gymnasium in einer Stadt nördlich von Kopenhagen geholfen habe, Prüfungen zu überwachen. Nun denn, nach drei Tagen mit Prüfungen konnte ich heute dann endlich zum ersten Mal seit Freitag richtig durchschlafen, und es fühlte sich gut an. 

Nach einem ziemlich minimalistischen Frühstück spekulierte ich dann ein wenig, was ich heute tun sollte - und entschied mich dann für einen Spaziergang am Friedhof hier in Bispebjerg. Immerhin war ich dieses (gregorianische) Jahr noch nicht da, und der Friedhof sieht eh am schönsten aus im Frühling oder im Herbst. 

An der neuen Friedhofsmauer 
Und Mann, was sah es schön aus. 

Die Winterglocken, Winterlinge und Krokusse waren alle in der Blüte, und wäre ich wohl eine Woche später gekommen, wären sie wohl schon alle verblüht. 

Winterlinge an der schönsten Allee 

Winterglocken am Schwedischen Friedhof 





Baum umgeben von Winterglocken und Winterlingen 

Angelegte Krokusse am Baumfriedhof 



Mit Biene 


Und ja, ich habe bei diesen Spaziergang auch sehr viel reflektiert über das Vergangene, das Zukünftige, und über das jetzige Weltgeschehen im Iran. Ich habe auch darüber nachgedacht wie Purim jetzt schon eine ganze Woche zurückliegt und Pesach in einigen Wochen anfängt. 

Die Blumen bei diesen Baum glühten irgendwie im Schatten 

Ich musste auch wieder mehrere Minuten beim Schwedischen Friedhof verbringen - meine Lieblingsabteilung des ganzen Friedhofs in Bispebjerg. 

Der Schwedische Friedhof 

Alle Grabsteine am Schwedischen Friedhof sind im gleichen, minimalistischen Stil 

Mit schwedischen Birken 

Als ich den Schwedischen Friedhof verlies, sah ich dann den letzten Überrest des Schnees:



Allerdings muss ich da anmerken dass das hier immerhin noch März ist - und in Skandinavien sind die Monate März und April sehr unberechenbar was das Wetter angeht, da kann die Sonne an den einen Tag scheinen, am nächsten Tag regnen, und dann wieder für einige Tage schneien. So wie vor drei Jahren zu Pesach in Stockholm

Und da muss ich dann daran denken, wie ich in einigen Wochen wieder zu Pesach in Stockholm sein werde, jedenfalls für die erste Hälfte der Pesach-Woche. 

Bestimmt wird es wieder ziemlich weis. 

Und dann auf den Weg nachhause kam ich dann am Baumfriedhof vorbei, wo ich dieses Jahr zum ersten Mal gezielt gepflanzte Krokusse sehe:





Heute konnte ich jedenfalls den Frühling richtig spüren. Das war sehr schön. Und jetzt habe ich auch mehr Energie für das, was kommen wird. 

Wie zum Beispiel die Rundumreinigung vor Pesach. 

Montag, 2. März 2026

Chameini ist Tod, was jetzt? - oder, Purim 5786

 

Bei der Vor-Purimfeier im Jüdischen Gemeindehaus 

Samstagmorgen, soll heissen, am Schabbat Zachor - den Schabbat vor Purim - hat Israel und die USA den Angriff auf das Mullahregime im Iran gestartet. Ich habe den Moment herbeigesehnt, auch weil das iranische Volk in den letzten zwei Monaten die Welt darum angebettelt hat. Ich glaube auch, dass dies der einzige Weg ist, um das iranische Volk von dem barbarischen Regime zu befreien. Auch wenn man weis, dass die Milizen die das Regime gegen das Volk anwendet, fast allesamt Schergen aus dem Irak, Libanon, Afghanistan und anscheinend auch Pakistan besteht. 

Am Abend nach Schabbatausgang war ich dann auf dem Weg zu einer Vor-Purimfeier im Jüdischen Gemeindehaus, als ich zuerst hörte, dass der Ajatollah Chameini Gerüchten zufolge schon beim ersten Anschlag am Morgen umgekommen ist. Bestätigt wurde dies dann einige Stunden später. 

Aber jetzt wo dieses Monster aus dem Weg ist, muss man sich um den Rest des Regimes kümmern, und es zerschlagen. 

Dieses Regime verdient es nicht, zu existieren. 

Ich hoffe jedenfalls dass der Rest des Regimes bald ganz weg ist. 

Aber schon die Tatsache, dass Chameini weg ist, ist schon eines der grössten Purimwunder der letzten Jahre, wohl seit dem Tod Stalins zu Purim 1953. 

חג פורים שמח

Purim 2019 in Kopenhagen 

Donnerstag, 26. Februar 2026

Bitte lass den Winter enden....

 

Frederiksberg im Schnee

Ich muss sagen, dieser Winter ist bis jetzt ein sehr kalter gewesen - erst in den letzten Tagen ist es etwas wärmer geworden, was man vor allem am schmelzenden Schnee spüren kann. 

Vor einigen Wochen kam ein sehr großer Schneesturm über Dänemark, der alles schön mit Pulverschnee übergoss. 

Ein eisiger Morgen im Herzen Kopenhagens 

Einige Tage nach dem Schneesturm, auf Østerbro

Einige Tage später reiste ich dann nach Lolland, und was sehe ich, als ich am Bahnhof von Nykøbing Falster aussteige?

Noch mehr Schnee. 

Eine schöne Begrüßung in Nykøbing Falster...

In der Woche auf Lolland hat es zwar auch geschneit, aber G"tt sei dank nicht in demselben Ausmaß wie in Kopenhagen. 

Auf Lolland haben wir den Geburtstag meiner Mutter gefeiert, und es war so gemütlich wie immer. 

Als die Woche vorbei war, hatte ich zuerst einen schönen Tag mit meinen Eltern in Næstved, und von da nahm ich dann den Zug nach Kopenhagen. 

Bilka, das Einkaufszentrum dass ich am meisten mit dem Konzept "Einkaufszentrum" verbinde

Am legendären Bahnhof in Næstved 

Am Bahnhof von Næstved habe ich jedenfalls wieder die Atmosphäre genossen und bin in Erinnerungen geschwelgt; und G"tt sei dank war der Zug nach Kopenhagen nicht überfüllt. 

Der Februar endet ja jetzt dieses Wochenende, und ich hoffe dass ab Sonntag richtiges Frühlingswetter sein wird. Und wenn ich richtiges Frühlingswetter sage, meine ich Sonnenschein und die Möglichkeit, dass die Blumen jetzt endlich richtig blühen können. 

Aber da dass hier ja Skandinavien ist, muss man aber auch beachten, dass März und April hier oben ziemlich unberechenbare Monate sind - am einen Tag kann die Sonne scheinen, am anderen dann regnen, und dann kann es wieder für einen oder zwei Tage schneien. 

Hauptsache mehr Sonne und weniger Regen. 

Donnerstag, 12. Februar 2026

Zwei verschiedene Tage, zwei verschiedene Leben - mehr oder weniger

 

Der Ausblick von der Brücke am Bahnhof in Næstved, Februar 2014 

Ich habe schon einmal - und danach mehrfach angedeutet - wie sehr ein Tag wo ich eine Tagesreise nach Næstved unternahm mir sehr viel bedeutete, aber auch mein erstes Purim im Jahr darauf. 

Mir ist erst vor kurzen aufgefallen, wie diese beiden Tage miteinander verbunden sind, trotz der Umstände. 

Im Februar 2014 wohnte ich noch bei meinen Eltern auf Lolland. Ich sehnte mich so sehr nach einem Neuanfang, nicht um weg zu kommen, und auch nicht nur wegen des Studiums - auch weil ich endlich den Gijur anfangen wollte. An dem Morgen waren meine Eltern schon vor Sonnenaufgang aufgebrochen, auf in den Urlaub in die Türkei. 

Chang übergab sich an dem Morgen. Ich machte es wieder sauber. 

Ich hatte schon seit mehreren Tagen diesen Tagestrip nach Næstved geplant. Ich hatte seit dem geplatzten Kibbuz Trip nach Israel gemerkt, dass ich mich nur beim Reisen am Leben fühle. Und somit waren diese Tagestrips nach Næstved in der Zeit so das einzige, was einer richtigen Reise nachkam, wo ich mich wenigstens so fühlte, als sei ich unterwegs. 

"Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer", von Alex Capus. Im vorherigen Herbst am Flughafen in Wien gekauft, las ich in im Zug nach Næstved. Allerdings wurde ich erst fertig mit ihn im Frühling 2016. 
Nachdem die tägliche Wiederholung von Richterin Barbara Salesch fertig war, packte ich meinen Rucksack, und fuhr mit der Mofa zum Bahnhof in Nykøbing Falster. 

Im Zug angekommen, machte ich es mir bequem, und las in "Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer", von Alex Capus. Ich konnte dann aufatmen. 

Ich genoss die Aussicht auf die wechselnde Landschaft - wo mein Favorit die Brücke nach Vordingborg ist.  

In Næstved angekommen kam ich wie gewöhnlich zuerst auf die Brücke, wo ich die Aussicht gen Norden genoss. Ich schaute auch auf das Krankenhaus in Næstved, worüber ich vor kurzen schrieb (ein anderer Tagestrip zwei Monate später in dem Jahr). 

Ich kaufte dann drei Bücher im Buchladen am Axeltorv, den es heute nicht mehr gibt, und dann ging ich runter zum Susåen Park am Bach, den ich zum Wald folgte. 

Damals war dieser Campus eine lokale Universitet - jetzt ist sie ein Kommunengebäude 

Ich weis noch immer nicht, was auf der kleinen Insel im Bach mal war 

Das hier macht mich irgendwie glücklich

Auch das 

Als ich im Wald ankam, setzte ich mich nach einer Weile auf einen Baumstamm. Und da fiel mir dann wirklich auf, dass diese Zeit auf Lolland nun wirklich bald vorbei ist und es sich jetzt nur um Monate handelte. Und ich dachte da zum ersten Mal ganz lebhaft daran, wie ich in Kopenhagen leben würde. Wie ich in die Synagoge gehen würde, zu Events oder anderes im Jüdischen Gemeindehaus gehen, wie mein Campus der Universität aussehen würde - ich hatte zu diesen Zeitpunkt nämlich wirklich absolut keine Ahnung, wie es aussehen würde. Das würde ich erst im Spätsommer sehen, ein Paar Wochen vor meinem Umzug. 

Als die Zeit kam, machte ich mich dann auf dem Weg zum Chinesischen Restaurant am Susåen, wo ich das Sushi da sehr genoss. 

Und danach machte ich mich dann auf den Weg zum Bahnhof, und als ich am Abend dann zuhause war, schaute ich dann Türkisch für Anfänger - letztendlich ein ziemlich vergesslicher Film. 

Am nächsten Tag machte ich mich dann Abends auf den Weg nach Nykøbing, weil ich da eine lokale Vorstellung des Broadway Musicals Rent sah - ein Freund von mir spielte mit. Das war...nicht sehr gut. Aber ein Abend an dem ich gerne zurückdenke. 

Vignette vom darauffolgenden Abend in Nykøbing 

Und nun ein Jahr später. 

Blumen vor der Großen Synagoge in Kopenhagen, ein Monat nach dem Terroranschlag 

März 2015. Ich war seit dem vorherigen Spätsommer wirklich in Gange mit dem Gijur-Prozess, und freute mich nun auf mein erstes Purim. Jetzt hatte ich ja schon die Hohen Feiertage und Chanukka erlebt, und jetzt freute ich mich auf Purim - das Buch Esther fand ich bis dahin auch schon immer sehr faszinierend. Aber jetzt sah ich es mit anderen Augen - auch nachdem ich im Unterricht im Gemeindehaus gelernt hatte, dass es das älteste Zeugnis des Wort "Jude" ist, dass dort zu finden ist. 

In der Zwischenzeit war ich auch in der Kunst des Fastens mehr oder weniger beherrscht. Ich hatte bereits zu Jom Kippur 2013 in Tel Aviv gefastet (ohne in der Synagoge zu sein), dann nach dem Umzug nach Kopenhagen 2014 zu Zom Gedalja und zu Jom Kippur wieder - und nun war das Taanit Esther, das Fasten der Esther, dran. 

Um die Zeit totzuschlagen, ging ich ins Nationalmuseum. Das war damals gratis. 

Antiker Kopf im Nationalmuseum 

Ich hatte seit meinem Umzug nach Kopenhagen schon mehrere Spaziergänge dort gehabt - allerdings war dieses einer der, an denen ich mich am meisten Erinnere, auch weil es am Vorabend von Purim war. Ich kam dann kurz vor Schließung raus, und machte mich auf dem Weg zur Synagoge, wo ich auch das Antiquariat bei Strøget besuchte, auf dem Weg dahin. 

In der Synagoge bei der Vorlesung des Buch Esther, März 2015 

Und es war ein Rausch, als das Buch Esther vorgelesen wurde. Und der Lärm, wenn Hamans Name genannt wurde. Ein Erlebnis an das ich mich immer erinnern werde. 

Nun denn. Am nächsten Tag machte ich mich auf dem Weg nach Ryparken, wo die Jüdische Schule, Carolineskolen, sich damals befand. Es war mein erstes Mal dort. Und ich trug die echten bayrischen Lederhosen, die ich extra für den Zweck online bestellt hatte. 

In der alten Sporthalle der Carolineskolen wurde die Feier gehalten. 

Es war ein sehr schöner Tag. Ich saß bei einem Tisch mit Freunden aus der Gemeinde, und es war einfach so unbeschreiblich gemütlich. Es wurde auch das Buch Esther vorgelesen. Natürlich mit viel Krach jedes Mal wo Hamans Name genannt wurde. 

Und dann...war es vorbei. Und somit spürte ich zum ersten Mal diese Melancholie, die nach jeder Purimfeier kommt. 

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Abend, als ich bei der S-Bahn Station Ryparken wartete, und das ganze verarbeitete. An dem Tag sah ich auch zum ersten Mal die Silhouette von Grundtvig Kirke, die große Kirche in Bispebjerg - damals dachte ich, es sei ein Mormonentempel. 

Und ein ein halb Wochen später verstarb dann meine Großmutter. 

Und jetzt fragt ihr euch sicher, was haben die zwei Tage mit einander zu tun?

Man muss bedenken, dass da zwischen den beiden Tagen ein Jahr liegt. 

Ein Jahr, und mein Leben zwischen diesen Tagen hätte unterschiedlicher nicht sein können - und ich finde es so seltsam, gerade an den Punkt zu denken. An den einen Tag im späten Februar 2014 sehne ich mich so sehr nach einen Neuanfang, und den Wunsch endlich den Gijur anzufangen. Ein Jahr später lebe ich dann dieses Leben, studiere Hebräisch an der Universität Kopenhagen, und das Leben das ich vorher lebte ist irgendwo im Schatten. Ein Jahr ist immerhin im großen Bild keine allzu lange Zeit - und dennoch war mein Leben nun ganz anders als vorher. 

Es waren also schon zwei verschiedene Leben, die ich lebte. 

Die Zeit ist wirklich ein sehr seltsames Ding. Und sie fliegt wirklich. 

Mittwoch, 11. Februar 2026

FILMKRITIK: Salt (Nordkorea/VR China 1985) (8/10)

 

Alternative Titel: Sogum, 소금

Regie: Shin Sang-ok

Produktion: Shin Sang-ok

Kamera: Cho Myong-hon, Pak Sung-ho

Künstlerische Leitung: Ri Do-ik 

Drehbuch: Kim Hee-bong nach einem Roman von Kang Kyong-ae 

Musik: Chon Chong-il 

Darsteller: Choi Eun-hee, Chong Ui-gyom, Oh Yong-hwan, Kim Myong-hee, Ri Wan-sam, Ri In-gwon, Chong Chol-woo, Chong Kyong-suk, Ri Yong-sim, Pak Yong-hak, Choe Chong-hee, Hong Soon-chang, Ri Cho-ok, Yang Chan-sik, Choe Chon-sun, Kim Yong-gun, Ri Byong-chol 

Handlung: 

Kando, Mandschurei, in den 1930er Jahren: 

Nachdem der Ehemann der namenlosen Mutter (Choi Eun-hee) bei einem Strassengefecht ums Leben kommt, macht sie zunächst die kommunistische Widerstandsbewegung für ihr persönliches Unglück verantwortlich – obwohl ihr eigener Sohn und dessen Verlobte Teil dieser Bewegung sind. Als die Verlobte verhaftet wird und der Sohn verschwindet, bleibt sie allein zurück und ist gezwungen, als Dienstmagd bei einem wohlhabenden chinesischen Paar zu arbeiten. Dort wird sie Opfer einer Vergewaltigung durch ihren Arbeitgeber, der kurz darauf bei einem Unfall stirbt. Schwanger und sozial weiter abgestiegen bringt sie einen Sohn zur Welt und arbeitet später als Amme bei einer reichen koreanischen Familie, während ihre eigenen Kinder an einer Krankheit sterben. Nach einem gescheiterten Suizidversuch wird sie von einer Freundin (Kim Myong-hee) aufgefangen, die sie schließlich dazu bewegt, sich aktiv am Salzschmuggel zu beteiligen – ein Akt der Solidarität, der zugleich ihren endgültigen Anschluss an den revolutionären Widerstand markiert.

Review:

Wie ihr sehen könnt, passiert in der Handlung sehr viel schlechtes der namenlosen Mutter, und ich habe versucht es so gut wie möglich niederzuschreiben. Ich muss aber auch sagen, dass ich den Film ohne Untertitel gesehen habe, aber dennoch musste ich diese Review schreiben, auch weil der Film letzten Monat zum ersten Mal online gestellt wurde. Es war ein VHS Rip, allerdings ist das besser als nichts, da ich den Film schon seit Jahren gesucht habe. 

Der Film ist einer von Shin Sang-ok und Choi Eun-hees Filmen, die während ihrer unfreiwilligen Zeit in Nordkorea gemacht wurden. Beide wurden mehrere Monate nacheinander im Jahr 1978 in Hongkong von nordkoreanischen Agenten entführt, und waren dann getrennt von einander in Pjöngjang gehalten, und erst im Frühjahr 1983 wieder miteinander vereint, auf einer Party im Hause von Kim Jong-il, der ihnen dann sagte, sie seien dort um die nordkoreanische Filmindustrie zu verbessern. Zwischen 1983 und 1986 machten sie dann mehrere Filme, von denen Pulgasari der berühmteste ist. 

Nachdem die beiden 1986 über Wien in die USA geflüchtet sind, wurden mehrere der Filme die sie in der Zeit in Nordkorea gemacht hatten verboten oder so editiert, dass ihre Namen aus dem Vor und Nachspann entfernt wurden, was bei Filmen wie Pulgasari, Hong Kil Dong oder Emissary of No Return leicht war, auch weil Choi Eun-hee in diesen Filmen nicht mitspielte. Filme wie dieser hier, Runaway oder The Tale of Shim Chong wurden jedoch verboten und sind sehr schwer zu kriegen. Hier muss ich aber auch sagen, dass die Koreanische Kinemathek in Südkorea alle Filme von Shin Sang-ok und Choi Eun-hees Zeit in Nordkorea im Keller haben, aber diese aus seltsamen Gründen noch nicht Online gestellt haben. 

Ich war so froh, als ich vor einigen Wochen auf Reddit eine Nachricht bekam, wo ich den Link zum Film auf der Internet Archive bekam. 

Nun denn, jetzt ist alles andere gesagt, jetzt zum Film selbst. Und ja, ich werde hier definitiv spoilern. 

Der Film ist ganz anders als andere, mehr konforme, von Propaganda durchgewaschenen nordkoreanische Filme über die Japanische Besatzungszeit. Der Film fängt ungewöhnlicherweise mit einem Zitat aus dem Neuen Testament (!), aus dem Matthäusevangelium 5:13. Das ist sehr ungewöhnlich, vor allem wenn man bedenkt, dass das Christentum in Nordkorea verboten ist - falls man in einem Hause eine Bibel findet, wird die gesamte Sippe in ein Konzentrationslager gebracht, für 3 Generationen. Kim Il-sung selbst kannte dieses Zitat ("Ihr seit das Salz dieser Welt...") wohl sehr gut, immerhin kam er aus einer frommen protestantischen Familie. 

Viele haben gesagt, gerade dieser Film ist ein gutes Beispiel dafür, wie Shin Sang-ok hin und hergerissen war von dem Wunsch, gutes Kino zu produzieren und den Wünschen des Staates zu erfüllen.  Und das sieht man hier wirklich - so wirkt die Welt sehr arm und ohne Perspektive, und gleichzeitig wirken die Kulissen auch authentischer als zum Beispiel in The Flower Girl (wobei ich hier aber auch anmerken muss, dass The Flower Girl auch zu den nordkoreanischen Filmen gehört, die auch wirklich gut sind). 

Der Film basiert sich auf einen Roman von Kang Kyong-ae, die den Roman 1934 herausgab, und selbst 1944 verstarb, ein Jahr vor der Befreiung. 

Und nun gehe ich in ein Detail ein, dass zeigt, wie anders Salt ist im Gegensatz zu anderen nordkoreanischen Filmen ist, die zur japanischen Besatzungszeit spielen: in einer Szene sieht man wie der Sohn und dessen (sehr fein gekleidete) Verlobte auf den Markt gehen und antijapanische Flugblätter herumwerfen, einen Slogan rufen, und dann sofort weglaufen. Soll heißen: die Szene ist realistisch - das Leben geht weiter, und keiner bleibt stehen und hört sich lange Monologe über den Imperialismus und Klassenkampf an - und das ist sehr ungewöhnlich in einem nordkoreanischen Film. Das einzige, was diesen "Monologszenen" nahe kommt ist am Ende, als einer der Widerstandbewegung am Ende, nachdem diese eine mit den Japanern kollaborierende Milizen ausgeschaltet hatten die die Salzschmuggler angeschossen hatten. 

Eine weitere Sonderheit des Films ist die, dass der Film im nördlichen Dialekt der koreanisch-chinesischen Grenze gedreht wurde, und nicht im Dialekt von Pjöngjang. 

Das beste am Film ist definitiv Choi Eun-hee (Seong Chunhyang) - sie gibt hier wirklich die wohl beste Performance ihrer Karriere, und das muss man ihr lassen. Sie gibt eine sehr realistische Darbietung einer Mutter, der alles genommen wurde und einfach versucht, zu überleben. Viele haben angedeutet, dass das Leiden der Mutter im Film für Choi wohl real waren - so habe ich in Paul Fischers Buch über Shin und Chois Zeit in Nordkorea gelesen dass Choi irgendwann an Lungenentzündung litt, und das war eines der Zeichen für die beiden dass die nun bald fliehen mussten. Ich vermute sie hat sich die Lungenentzündung geholt beim Dreh der Szene im eiskalten Fluss beim Ende des Films. 

Eine Szene, die mir sehr naheging war die, in der sie bei Nacht ihren Sohn zur Welt bring und daraufhin sich selbst nicht dazu bringen kann, den Säugling zu strangulieren. Solche Kost gab es bis da noch nie im nordkoreanischen Kino. Auch gab es bis dahin auch nie eine deutliche Vergewaltigung vor der Kamera, oder eine enthüllte nackte Brust (in einer Szene, wo sie den Säugling einer reichen Familie auf einer Feier stillt). Wie ein nordkoreanischer Flüchtling angab, hat dieser den Film mehrfach im Kino damals gesehen, gerade wegen dieser Szenen. 

Die anderen Darsteller geben auch gute Darbietungen - sowie Kim Myong-hee als Nachbarin und Freundin der Mutter, und Pak Yong-hak (der den tyrannischen König in Pulgasari gespielt hat) als Kollaborateur der Japaner. Sehr gut in ihren Szenen waren auch der, der ihren ältesten Sohn spielte als auch die Verlobte, allerdings kann ich die Namen nicht nennen, da ich nirgendwo sehen kann wer der Darsteller wen spielt, und Kim Myong-hee und Pak Yong-hak waren die einzigen Darsteller die ich vom restlichen Cast kannte. 

Johannes Schönherr hat in seinen Buch angegeben, dass er den Film als sehr sexualisiert wahrnahm und das vor allem das Leiden im Film irgendwie so dargestellt wurde - dem stimme ich nicht wirklich zu. Ich aber sagen, dass er in seiner Annahme, der Film sei eine Mischung aus (japanischen) Exploitationsfilm und Sozialistischer Realismus irgendwie zustimmen. Ich würde aber auch sagen, dass die Sexualisierung wohl weniger der Erregung dient, als der Entwürdigung der Mutter - und die Tatsache, dass einige den Film mehrfach im Kino wegen dieser Szenen der Vergewaltigung oder des Bruststillens gesehen haben, sagt mehr über das System als über der Intention des Films. 

Und hier muss ich dann wieder sagen, dass das einzige, was den Film zu einem "Propagandafilm" oder "pro-kommunistisch" mache, ist dass der Widerstand als die Guten dargestellt werden (...und das obwohl dieser antijapanische Widerstand auch sehr oft Bauern überfiel, deren Essen stahlen oder reiche Bauern lynchte wenn nur vermutet wurde dass sie kollaborierten), und wie die Mutter am Ende einsieht, dass ihr Sohn recht hatte sich den Widerstand anzuschließen und nun rausgeht, um ihren Sohn zu suchen. Der Film moralisiert den Widerstand, aber nicht die Welt, in der er agiert. (Hier muss ich auch sagen, dass das aller letzte was man vom Sohn und der Verlobten sieht ist, wie er und seine Mitstreiter sie aus dem Gefängnis befreien und dann mit einem Wagen wegfahren - das war wohl, um den Publikum zu sagen, dass alles gut wird) Dass die Mutter namenlos bleibt, ist kein Zufall, sondern macht sie zur Projektionsfigur: weniger Individuum als Verkörperung einer ausgebeuteten Klasse – und zugleich einer zutiefst weiblichen Leidensgeschichte. 

Und dann ist da noch das mit dem Zitat aus dem Neuen Testament - das Salz wirkt als eine Symbolik für Leben/Überleben, als die Gemeinschaft, als das Unsichtbare, was alles trägt. Das ist auch sehr ungewöhnlich dies in einem nordkoreanischen Film mit einzubeziehen, nicht nur wegen des Verbotes des Christentums - eine Einbeziehung eines religiösen Textes was sehr vor-marxistisch und fast archaisch wirkt. Ich frage mich außerdem wie es wohl für die nordkoreanischen Christen gewesen sein musste, die zu der Zeit ihren Glauben schon lange nicht mehr offen ausüben durften, aber dann einen Film sehen, der mit dem Zitat anfangt. 

Zum Ende sieht man außerdem, wie Shin Sang-ok sich beim Filmstudio in Beijing bedankte, die mit dem Dreh der Szenen dort mitgeholfen haben. 

Salt ist damit weniger ein klassischer Propagandafilm als ein widersprüchliches, körperliches Melodram, das ausgerechnet im repressivsten aller Kontexte Momente von Ambivalenz, Menschlichkeit und vor-ideologischer Symbolik zulässt.

Screenshots:































































Kony 2012 - was war das?

Ja, ich erinnere mich noch sehr gut an den Frühling 2012 Es war im Frühjahr 2012, da schickte eine Freundin von mir ein Video, mit der Besch...